Vitamin B6

Beschreibung

Vitamin B6 ist eine Sammelbezeichnung für drei miteinander verwandte chemische Verbin-dungen (3-Hydroxy-2-Methyl-Pyrimidin-Derivate) und deren Phosphatester: Pyridoxin, Py-ridoxal, Pyridoxamin, Pyridoxin-5-Phosphat, Pyridoxal-5-Phosphat und Pyridoxamin-5-Phosphat. Der Körper kann bei Bedarf die verschiedenen Formen von Vitamin B6 ineinander umwandeln. Die wichtigste, biologisch aktivste Form von Vitamin B6 ist Pyridoxal-5-Phosphat (P5P). Tierische Quellen für Vitamin B6 wie Fleisch, Fisch, Geflügel und Eier enthal-ten die besonders gut resorbierbaren Formen Pyridoxal-5-Phosphat und Pyridoxamin-5-Phosphat. Pflanzliche Quellen (stärkehaltige Gemüse, Getreide und Hülsenfrüchte) enthalten die weniger gut resorbierbaren Formen Pyridoxin-Glucosid, Pyridoxin und Pyridoxal-5-Phosphat. In Nahrungsergänzungsmitteln wird meistens Pyridoxin verwendet, obwohl Py-ridoxal-5-Phosphat eine höhere Bioverfügbarkeit besitzt und wahrscheinlich bei hohen Do-sierungen weniger toxisch ist. 

  
Die tägliche Zufuhr von Vitamin B6 ist wichtig, weil der Körper fast kein Vitamin B6 speichert. Ein P5P-Blutspiegel von über 30 nmol/l (oder ein Gesamt-Vitamin-B6-Gehalt im Blut von über 40 nmol/l) bedeutet, dass die Vitamin-B6-Versorgung ausreichend ist. 
Obwohl ein klinischer Vitamin-B6-Mangel selten ist, kommt ein subklinischer Vitamin-B6-Mangel recht häufig vor. Mehr als 23 % aller europäischen Senioren leiden unter einem Vi-tamin-B6-Mangel (P5P-Plasmaspiegel <20 nmol/l). Bei älteren Menschen in Pflegeheimen kann dieser Anteil 75 % erreichen. Risikogruppen für Vitamin-B6-Mangel sind (außer älteren Menschen) Alkoholiker, Raucher, Frauen während der Schwangerschaft und Stillzeit und Menschen, die aufgrund von Drogenkonsum, Stress, chronischen Entzündungen oder sonsti-gen Erkrankungen mehr Vitamin B6 benötigen. 

Wirkung

Pyridoxal-5-Phosphat (P5P) ist ein Cofaktor von mehr als einhundertvierzig Enzymen. Diese Enzyme katalysieren die unterschiedlichsten biochemischen Reaktionen im Körper, unter anderem auch den Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel. Vitamin B6 ist ein Cofaktor bei der Umwandlung von Homocystein in das toxische Cystein. Ein Mangel an Vitamin B6 trägt zur Erhöhung des Homocysteinspiegels bei und verstärkt damit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose und Krebs. Weiterhin stellt ein verringerter Vitamin-B6-Status, unabhängig vom Homocystein, einen eigenständigen Risikofaktor für kardiovasku-läre Erkrankungen dar. 

   
P5P ist unter anderem wichtig für die Blutbildung (P5P-abhängige Synthese von Häm) und den Sauerstofftransport, die Herz- und Skelettmuskelfunktionen (P5P-abhängige Synthese von Myoglobin), den Energiestoffwechsel in Zellmitochondrien (P5P-abhängige Synthese von Cytochromen und Coenzym Q10 sowie Abbau von Glykogen), die Zellfunktionen und Zelltei-lung (P5P-abhängige Synthese von DNA, RNA und Sphingomyelin) und das ordnungsgemäße Funktionieren des Immunsystems, des endokrinen Systems und des Nervensystems (P5P-abhängige Synthese von Monoamin-Neurotransmittern, Sphingolipiden und Taurin). 
In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass Pyridoxin, Pyridoxal und Pyridoxamin starke Anti-oxidantien sind. Pyridoxamin wirkt der Bildung von AGEs (advanced glycation end products) entgegen, die bei Diabetes mellitus in verstärktem Maße gebildet werden und zu diabeti-schen Komplikationen beitragen. Anders als bei P5P ist über die (Gesundheits-) Wirkungen der verschiedenen anderen Formen von Vitamin B6 noch relativ wenig bekannt. 

   
Eine Reihe von Anzeichen und Symptomen können auf einen (schweren) Vitamin B6-Mangel hinweisen: Müdigkeit und Erschöpfung, Risse in Lippen und Mundwinkeln, entzündete Zun-ge und/oder Mundschleimhaut, Anämie, Glukose-Intoleranz, Übelkeit und Erbrechen, sebor-rhoische Dermatitis, Wassereinlagerungen, Panikattacken, Hyperventilation, Migräne, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Verwirrtheit, Depressionen, Immunschwäche, chronische Schmerzen, kognitiver Verfall, Zuckungen, periphere Neuropathie, Ataxie, ein erhöhter Ho-mocysteinspiegel, erhöhte entzündliche Aktivität (mit Zunahme des C-reaktiven Proteins) und erhöhter oxidativer Stress. Ein marginaler Vitamin-B6-Status (P5P-Spiegel 20-30 nmol/l) oder Vitamin-B6-Mangel bleiben meist unbemerkt, können aber auf die Dauer zur Entwick-lung chronischer Krankheiten beitragen. 

Indikationen

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen (einschließlich Vorbeugung): Ein niedriger P5P-Spiegel erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und einen zu niedri-gen HDL-Cholesterinspiegel. Außerdem besteht ein Zusammenhang zwischen einer hö-heren Aufnahme von Vitamin B6 aus der Nahrung und einer signifikant geringeren Sterb-lichkeit durch Schlaganfall, koronare Herzerkrankungen oder Herzversagen. 
  • Prämenstruelles Syndrom: Vitamin B6 reduziert PMS-Symptome, insbesondere in Kom-bination mit Magnesium.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Während der Schwangerschaft und Stillzeit besteht ein erhöhter Bedarf an Vitamin B6. Außerdem wirkt Vitamin B6 morgendlicher Übelkeit, Muskelkrämpfen in den Beinen und (Vor-) Eklampsie entgegen. 
  • Diabetes mellitus: Viele Diabetiker leiden unter einem subklinischen Vitamin-B6-Mangel, der sich ungünstig auf die glykämische Kontrolle auswirkt und die Gefahr von Diabeteskomplikationen erhöht. Supplementierung mit den aktiven Formen der Vitami-ne B6 (P5P) und B12 (Methylcobalamin) sowie Folsäure (L-Methylfolat) verbessert dia-betische periphere Neuropathie. Supplementierung mit P5P hemmt die Progression von diabetischer Nephropathie. 
  • Chronisch-entzündliche Erkrankungen: Chronisch-entzündliche Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis und entzündliche Darmerkrankungen gehen mit einer gewebespe-zifischen Depletion von Vitamin B6 einher. 
  • Karpaltunnelsyndrom: Die Schwere der Symptome ist bei niedrigerem P5P-Spiegel grö-ßer. Eine Supplementierung mit Pyridoxin oder P5P (vorzugsweise in Kombination mit Vitamin B2) kann Symptome des Karpaltunnelsyndroms auch dann lindern, wenn kein Vitamin-B6-Mangel vorliegt.
  • Reizdarmsyndrom: Ein niedrigerer P5P-Spiegel korreliert mit mehr PDS-Symptomen. 
  • Hauterkrankungen: Bei Hauterkrankungen wie Akne und seborrhoischer Dermatitis kann Vitamin B6 zu einer Verminderung der Beschwerden führen, vor allem in Kombina-tion mit Thiamin und Riboflavin. 
  • Alzheimer-Krankheit, Parkinson-Krankheit: Bei beiden neurodegenerativen Erkrankun-gen besteht ein Zusammenhang mit einem verringertem P5P-Spiegel. 
  • Spätdyskinesien: Eine Supplementierung mit Vitamin B6 vermindert die Symptome die-ser schweren Nebenwirkung von Neuroleptika. 
  • Chronisches Nierenversagen, Hämodialyse: Eine Verringerung des Vitamin-B6-Status bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz erhöht das Risiko für periphere Neuro-pathie. Eine P5P-Supplementierung kann die Symptome von peripherer Neuropathie signifikant verbessern. 
  • Prävention von Oxalsäure-Nierensteinen: Eine höhere Aufnahme von Vitamin B6 und Magnesium ist mit einem niedrigeren Risiko für Entstehung oder Wiederauftreten von Oxalsäure-Nierensteinen verbunden. 
  • Angeborene Vitamin-B6-abhängige Erkrankungen: Eine P5P-Supplementierung ist es-senziell bei Störungen wie Sideroblastenanämie, Homocysteinurie, primärer Hyperoxalu-rie und P5P-abhängiger Epilepsie. 

Kontra-Indikationen

Während der Schwangerschaft und Stillzeit sollte bezüglich hoher Dosen von Vitamin B6 Zurückhaltung geübt werden. 

Nebenwirkungen

In zu hoher Dosierung kann Vitamin B6 periphere sensorische Neuropathie und Nervende-generation verursachen. Diese Nebenwirkungen verschwinden in der Regel innerhalb von sechs Monaten nach Absetzen der Vitamin-B6-Supplementierung. Normalerweise sind tägli-che Dosen bei 600 mg oder höher üblich. In manchen Fällen treten neuropathischen Be-schwerden bereits bei (viel) niedrigeren Dosen von Vitamin B6 auf. Weiterhin ist die Gefahr einer peripheren Neuropathie nach langfristiger Vitamin-B6-Supplementierung höher. 

Interaktionen

  • Verschiedene Medikamente (einschließlich Isoniazid, Penicillamin, Hydralazin, Levodopa, Procarbazin, Cycloserin, Theophyllin, MAO-Hemmer, Ethionamid, Valproinsäure, Tetra-cyclin und Kortikosteroide), Antibabypillen und Hormonersatztherapie können den Vi-tamin-B6-Status verringern.
  • Rauchen und starker Alkoholkonsum erhöhen den Bedarf an Vitamin B6.
  • Vitamin B6 verringert die Wirksamkeit von Levodopa, Phenobarbital und Phenytoin, ver-stärkt aber möglicherweise die Wirkung von Nortriptylin. 
Weitere Wechselwirkungen sind möglich. Ziehen Sie sachkundige Beratung hinzu.

Dosierung

Die RDA für Vitamin B6 beträgt 1,5 mg pro Tag (für Männer über 51 Jahre 1,8 mg/Tag). Ame-rikanische Untersuchungen legen jedoch den Schluss nahe, dass sehr viele Menschen mehr Vitamin B6 (mindestens 3-5 mg/Tag) benötigen, um einen optimalen P5P-Spiegel (>30 nmol/l) zu erreichen. In Europa (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) gilt eine obere Aufnahmemenge (tolerable upper intake level) von 25 mg Vitamin B6 pro Tag als sicher. In den Vereinigten Staaten (Institute of Medicine) gilt eine Obergrenze von 100 mg pro Tag als sicher. Für therapeutische Zwecke gelten Dosen zwischen 25 und 200 mg Vita-min B6 pro Tag als üblich und sicher. Bei Dosen von bis zu 200 mg pro Tag wurden keine Auf-fälligkeiten beobachtet (no observed adverse effect level). Die bei Spätdyskinesien erforder-lichen Dosierungen liegen bei bis zu 400 mg pro Tag. Es ist wichtig, dass eine solch hohe Do-sierung nur unter ärztlicher Aufsicht stattfinden darf. P5P ist in hohen Dosen wahrscheinlich sicherer als Pyridoxin und bietet sich auch deswegen an, da Pyridoxin in der Leber nicht op-timal in P5P umgewandelt wird. 

Synergie

B-Vitamine, Kalium, Vitamin C, Magnesium und Selen verbessern den Vitamin-B6-Status. Vitamin B2, Zink und Vitamin B3 werden zur Umwandlung von Pyridoxin in P5P in der Leber benötigt. 

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