Sportverletzungen: besser Hering als Entzündungshemmer

Dienstag 28-Juni-2016

Im Sport würden Entzündungshemmer oft hemmungslos wie Bonbons konsumiert, warnt Thomas D’havé. „Das unterdrückt die Symptome, kann aber niemals Bestandteil eines natürlichen Wundheilungsprozesses sein“, stellt er fest. „Im Gegenteil.“

 

Von: Thomas D’havé

 

Viele Sportler nehmen Entzündungshemmer ein, um die Symptome von (chronischen) Entzündungen zu unterdrücken. Dadurch kann sich die Erkrankung jedoch monatelang hinziehen und die Leistungen dauerhaft beeinträchtigen. 

Je stärker die Entzündung, desto günstiger für die Heilung

Betrachten wir zunächst im Detail, wie die Heilung einer Wunde grundsätzlich funktioniert: Jede Verletzung, sowohl im Innern wie im Äußern des Körpers, muss so schnell wie möglich durch Myofibroblasten abgedeckt werden. Dies sind Bindegewebszellen mit der Fähigkeit, sich zusammenzuziehen und Fibronektin zu bilden. So sorgen sie dafür, dass ein Netz entsteht, das die Wunde bedeckt und eine Art Kruste bildet.

 

Die chemische Substanz, die diese Myofibroblasten zu den Wunden hinlenkt, wird jedoch nur dann freigesetzt, wenn es im Bindegewebe zur Zertrennung zweier spezifischer Aminosäuren kommt: Leucin und Glutamin. Wenn Bindegewebe beschädigt wird, findet diese Zertrennung unregelmäßig statt und verläuft daher nicht immer genau an der Verbindungsstelle von Glutamin und Leucin. Daher wird bei allen Schäden am Bindegewebe zusätzlich die Substanz Collagenase A aktiviert. Diese setzt dann einen Botenstoff frei, der in der Lage ist, Leucin von Glutamin abzuspalten. Dies geschieht auch an Stellen, die ursprünglich nicht beschädigt wurden. Dadurch tritt ein zusätzlicher Schaden auf und die Wunde wird größer. Aber dieser Prozess ist notwendig, um Myofibroblasten anzuziehen.

 

Dieser zusätzliche Schaden wird vom Menschen jedoch als etwas Negatives wahrgenommen. Aber: Wie kann eine universelle Tatsache, also etwas, das bei allen Organismen vorhanden ist, falsch sein?

 

Dennoch werden Medikamente wie nichtsteroidale Antiphlogistika und Eis eingesetzt, in der Annahme, dass der Schaden dadurch verringert wird. Diese Maßnahmen hemmen jedoch die Wirkung von Collagenase A, das einen Botenstoff für die normale Wundheilung freisetzen soll. Könnte es nicht sein, dass solche Eingriffe die Wundheilung sogar verlangsamen und den vollständigen Abschluss des Heilungsprozesses verhindern?

 

Schon im 16. Jahrhundert wusste man: pus bonum et laudabile. Das bedeutet: Je stärker die Entzündung, desto fördernder für die Heilung! Im Sport werden Entzündungshemmer wie Bonbons geschluckt, um die Symptome zu unterdrücken, aber dies kann nicht Bestandteil einer guten Wundheilung oder Resoleomie sein.

Interventionen, die die natürliche Wundheilung unterstützen

Die Vorstellung, dass Entzündung etwas Falsches ist, ist die Basis unserer „entzündungshemmenden Medizin“. In der klinischen Psycho-Neuro-Immunologie (PNI) gehen wir nicht von dem Paradigma aus, dass Entzündung per Definition falsch ist. Im Gegenteil: Wir suchen nach Interventionen, die die natürliche Wundheilung unterstützen

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang das Folgende:

 

Immer, wenn an einem Blutgefäß eine Beschädigung auftritt, beispielsweise bei einem verstauchten Knöchel, werden sofort Fettsäuren freigesetzt (EPA/DHA/Arachidonsäure). Diese Fettsäuren können in Stoppsignale (Lipoxine, Resolvine) umgewandelt werden, die der Entzündung entgegenwirken. Je größer der Schaden und die Schwellung, desto mehr Stoppmoleküle werden freigesetzt. In der kPNI ist es daher kontraindiziert, der Schwellung künstlich entgegenzuwirken.

 

Allerdings müssen die Blutgefäße bereits im Voraus (vor dem Trauma) genügende Mengen der entsprechenden Säuren enthalten, um den natürlichen Prozess der Beendigung der Entzündung in Gang setzen zu können. Fisch ist zum Beispiel eine reiche Quelle von DHA und EPA. So gesehen ist es geradezu verheerend, dass nur wenige Fußballer regelmäßig Fisch essen. Denn wenn unser Gewebe zum Beispiel mit Schweinefleisch und Sonnenblumenöl statt mit gesunden Fettsäuren angereichert wird, dann werden bei Schäden andere Arten von Molekülen freigesetzt, die den Wundheilungsprozess nicht vollständig abschließen können. Dies führt zu chronischer Entzündung. 

 

Aus Erfahrung weiß ich, dass Entzündung beim Fußball ein Tabuthema ist. Aber gerade deswegen finde ich es erschreckend, zu sehen, dass viele Fußballer regelmäßig Entzündungshemmer einnehmen, aber bei einem Hering die Nase rümpfen. Kürzlich erzählte mir jedoch Peter Res, der Ernährungberater von Ajax, mit dem ich zusammenarbeite, dass in deren Vereinskantine immer mehr Spieler nach Fisch fragen. Dann sind wir wohl doch auf dem richtigen Weg. Denn der beste Zeitpunkt, um etwas gegen Verletzungen zu tun, ist vor der Verletzung.

 

Thomas D’havé behandelt Spitzenfußballer mit chronischen oder wiederkehrenden Verletzungen nach den Prinzipien der klinischen Psycho-Neuro-Immunologie (kPNI Belgien). Er arbeitet unter anderem für Ajax und West Ham.

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