Psychobiotika: der Stand der Dinge

Mittwoch 30-Juni-2021

Wir erzählen Ihnen regelmäßig, dass der Darm und das Gehirn über die Darm-Hirn-Achse miteinander kommunizieren. Leider verläuft die Kommunikation zwischen diesen beiden nicht immer reibungslos und kann eine Quelle für körperliche und psychische Beschwerden sein. Psychobiotika können diese Kommunikation positiv beeinflussen.

Im Körper sind alle Systeme miteinander verbunden. Der Darm ist über das enterische Nervensystem (ENS) mit dem Zentralen Nervensystem (ZNS) verbunden [1]. Der Zusammenhang zwischen dem ENS und ZNS wird auch als Darm-Hirn-Achse bezeichnet. Das Mikrobiom scheint eine wichtige Rolle im Zusammenspiel des Darms und des Gehirns zu spielen [2].

Was tun die Darmbakterien für unser Gehirn?

Über die oben genannten Systeme beeinflussen die Darmbakterien unsere Stimmung, wirken sich auf unseren Appetit aus und spielen eine Rolle bei unserer biologischen Uhr. Darüber hinaus haben probiotische Darmbakterien eine positive Wirkung, unter anderem weil sie kurzkettige Fettsäuren produzieren. Diese kleinen Fettsäuren dienen nicht nur nachweislich als Nährstoffe für die Darmwand, sondern spielen auch eine Rolle bei der Reduzierung von Depressionen, zumindest bei Patienten mit chronischer Darmentzündung [3].

Übrigens: Ein Ungleichgewicht zwischen günstigen und ungünstigen Darmbewohnern wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus. Ungünstig ist auch eine Überwucherung mit pathogenen Bakterien, da diese gesundheitsschädliche Toxine produzieren können und die Aufnahme von Nährstoffen behindern können [4]. Somit könnte eine Überwucherung von Clostridien und eine gleichzeitige Abnahme von Bifidobakterien über die Produktion von Exotoxinen und Propionsäure an der Entwicklung von Autismus-Spektrum-Störungen beteiligt sein [5].

Die Wissenschaft, die versucht, die Interaktionen zwischen Darm und Gehirn zum Wohle unserer Gesundheit zu beeinflussen, wird Psychobiotika genannt. Bei dieser Beeinflussung spielen u. a. Prä- und Probiotika eine Rolle. Präbiotika sind fermentierbare Ballaststoffe, die als Nahrung für nützliche Darmbakterien dienen [6].

Stress, Immunsystem und Gedächtnis

In den letzten zehn Jahren konnte vor allem bei Mäusen gezeigt werden, dass Bakterien im Darm den Grad der Stressresistenz, die Funktion des Immunsystems und sogar die Lern- und Gedächtnisleistung bestimmen. Studien an Ratten zeigen, dass Prä- und Probiotika den Spiegel des Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) erhöhen können [7]. BDNF ist maßgeblich an Lern- und Gedächtnisprozessen im Gehirn beteiligt. Vermutlich wirkt es auch beim Menschen so.

Die Untersuchungen am Menschen werden immer umfangreicher. Zum Beispiel legen die Selbstberichte von Patienten nahe, dass die Einnahme von Probiotika die Stimmung verbessern kann [2]. Es gibt aber auch physiologische Hinweise auf einen Effekt, wie z. B. reduzierte Cortisolspiegel (Marker für Stress) [8] und weniger Entzündungen (die bei fast allen modernen westlichen Krankheiten eine Rolle spielen), letzteres jedenfalls bei Patienten mit Colitis ulcerosa [9].

Darmbakterien und Depressionen

Nicht nur die Stimmung, sondern auch Depressionen sind mit der Funktion des Mikrobioms verbunden. Eine aktuelle Meta-Analyse zeigte, dass Menschen mit Depressionen im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe ein weniger vielfältiges Mikrobiom haben. Dieselbe Meta-Analyse zeigte, dass eine Intervention mit Probiotika die Symptome einer Depression reduzieren kann [10].

Doch wie sieht das Zusammenspiel zwischen Bakterien, Darm und Gehirn eigentlich aus? Die Hauptakteure sind das intestinale Nervensystem, das Immunsystem, der Vagusnerv und die Hormone und Neurotransmitter im Darm, einschließlich Serotonin und Dopamin. Was können wir tun, um dieses System positiv zu beeinflussen?


Mehr als nur Probiotika

Probiotika haben in Studien am Menschen positive Effekte gezeigt. Trotzdem bestehen Psychobiotika aus viel mehr als Probiotika. Präbiotika – Nahrung für nützliche Darmbakterien – sind ein weiterer Kanal, über den wir die Darmbakterien beeinflussen können. Aber auch (fermentierte) Lebensmittel und Bewegung haben einen Einfluss auf die Darmbakterien [6,11].

Kurzum, es scheint sehr wahrscheinlich, dass das Potenzial der Psychobiotika für die therapeutische Praxis noch lange nicht ausgeschöpft ist. Es sind jedoch weitere Studien erforderlich, um die für den Effekt verantwortlichen Wirkmechanismen weiter aufzuklären.

Wissen in der Praxis

Wir sagen es schon seit Jahren: Die ernährungsmedizinische Behandlung vieler westlicher Krankheiten beginnt im Darm. Dies scheint auch für die mentale Komponente zu gelten, wie Stimmungs-, Lern- und Gedächtnisprobleme, Stress und Depressionen. Auch hier ist der Bauch der absolute Ausgangspunkt. Neben einem maßgeschneiderten Behandlungsprogramm mit Prä- und Probiotika spielen auch die Ernährung und Bewegung eine wichtige Rolle. Achten Sie also immer auf einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem letztendlich alle Aspekte des Lebensstils angesprochen werden. Dies gibt die beste Aussicht auf eine Reduzierung der Symptome.

Literatur

1. Brinkman DJ, ten Hove AS, Vervoordeldonk MJ, Luyer MD, de Jonge WJ. Neuroimmune Interactions in the Gut and Their Significance for Intestinal Immunity. Cells. 2019 Jul 2;8(7):670.

2. Eisenstein M. Microbiome: Bacterial broadband. Nature. 2016 May;533(7603):S104–6.

3. Majeed M, Nagabhushanam K, Arumugam S, Majeed S, Ali F. Bacillus coagulans MTCC 5856 for the management of major depression with irritable bowel syndrome: a randomised, double-blind, placebo controlled, multi-centre, pilot clinical study. Food & Nutrition Research [Internet]. 2018 Jul 4 [cited 2021 May 26];62(0). Available from: http://www.foodandnutritionresearch.net/index.php/fnr/article/view/1218

4. Small intestinal bacterial overgrowth (SIBO) [Internet]. Available from: https://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/small-intestinal-bacterial-overgrowth/symptoms-causes/syc-20370168

5. Zhang Y-J, Li S, Gan R-Y, Zhou T, Xu D-P, Li H-B. Impacts of gut bacteria on human health and diseases. Int J Mol Sci. 2015 Apr 2;16(4):7493–519.

6. Monografie Prebiotica [Internet]. 2021. Available from: https://www.naturafoundation.nl/kenniscentrum/monografie/168/prebiotica

7. Savignac HM, Corona G, Mills H, Chen L, Spencer JPE, Tzortzis G, et al. Prebiotic feeding elevates central brain derived neurotrophic factor, N-methyl-D-aspartate receptor subunits and D-serine. Neurochem Int. 2013 Dec;63(8):756–64.

8. Kazemi A, Noorbala AA, Azam K, Djafarian K. Effect of prebiotic and probiotic supplementation on circulating pro-inflammatory cytokines and urinary cortisol levels in patients with major depressive disorder: A double-blind, placebo-controlled randomized clinical trial. Journal of Functional Foods. 2019 Jan;52:596–602.

9. Bjarnason I, Sission G, Hayee B. A randomised, double-blind, placebo-controlled trial of a multi-strain probiotic in patients with asymptomatic ulcerative colitis and Crohn’s disease. Inflammopharmacology. 2019 Jun;27(3):465–73.

10. Sanada K, Nakajima S, Kurokawa S, Barceló-Soler A, Ikuse D, Hirata A, et al. Gut microbiota and major depressive disorder: A systematic review and meta-analysis. J Affect Disord. 2020 Apr 1;266:1–13.

11. Monda V, Villano I, Messina A, Valenzano A, Esposito T, Moscatelli F, et al. Exercise Modifies the Gut Microbiota with Positive Health Effects. Oxid Med Cell Longev. 2017;2017:3831972.

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