Science: Der Film vom Early Life Stress

Dienstag 1-September-2020



In Ihrer Praxis begegnen Ihnen sicher Klienten, bei denen ein erhöhtes Stressniveau schnell zu einem depressiven Zustand führt. Oft sieht der Patient selbst dies als eine negative Charaktereigenschaft an. Durch früheres negatives Feedback aus dem sozialen Umfeld kann das zu vielen Schuldgefühlen führen. Stress zu Beginn des Lebens führt möglicherweise im späteren Leben zu depressiven Verstimmungen und psychischen Erkrankungen. Interessante wissenschaftliche Studien im Magazin Science enthüllen einen Teil des zugrunde liegenden neurobiologischen Skripts. Wie können Sie einem Klienten mit einem solchen Cluster an Problemen helfen?

 Der Film über „Early Life Stress

Zuallererst machen Sie einen „Film“ über die Gesundheit Ihres Klienten. Sie stellen immer wieder Fragen und schauen über die Symptome hinaus auf die zugrunde liegenden Ursachen, die Ihren Klienten zu dem gemacht haben, was er heute ist. Dann werden Sie erkennen, dass depressive Gefühle nicht mit einem „schlechten“ Charakter zu tun haben. Oft sind negative Erfahrungen zu Beginn des Lebens die Ursache.

Das kann Einsamkeit oder Angst nach der Geburt sein, beispielsweise aufgrund einer abwesenden Mutter. Dabei kann es sich um physische Abwesenheit handeln, z. B. aufgrund von Komplikationen bei der Geburt, aber auch um emotionale Abwesenheit. So kann eine postnatale Depression der Mutter lebenslange Auswirkungen auf die soziale, emotionale, kognitive und sogar körperliche Entwicklung des Kindes haben (Murray 1997, O'Hara 2013). Aber wo liegt die physische Verbindung zwischen dem frühen Kindesalter und dem späteren Erwachsenenalter?

Epigenetisches Programm

Forschungsergebnisse, die 2017 in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurden, verdeutlichen, warum negative Erfahrungen in frühester Kindheit so tiefgreifende Auswirkungen haben. Die Forschenden entdeckten, dass junge Mäuse, die kurz nach der Geburt nicht von der Mutter versorgt wurden, einen geringen Gehalt an Otx2 („Orthodenticle homeobox 2“) im Hirnareal der ventralen Mittelhirnhaube aufwiesen (Peña 2017). Die Unterdrückung dieses epigenetischen Transkriptionsfaktors führte in diesem Hirnareal zu einer abnormalen Transkription von Hunderten von Genen. Als ausgewachsene Mäuse zeigten diese Mäuse unter Stressbedingungen häufiger depressives Verhalten als die Kontrollgruppe. Im Gegensatz dazu konnte eine Überexpression von Otx2 die Effekte von Stress in den Kinderjahren umkehren. Das Ausmaß der Otx2-Expression wird demnach schon früh im Leben bestimmt und hat einen lebenslangen Einfluss auf die Stressempfindlichkeit und die geistige Gesundheit. „Eine beeinträchtigte mütterliche Fürsorge schafft im ventralen tegmentalen Areal eine langanhaltende Empfänglichkeit für Depressionen. Dies ist kann bereits beobachtet werden, bevor sich das Verhalten ändert“, so die Wissenschaftler.

Ventrales tegmentales Areal

Das ventrale tegmentale Areal ist ein besonders interessantes Puzzleteil. Dieses Areal befindet sich im unteren Bereich des Mittelhirns und an der Basis des mesocorticolimbischen Dopaminsystems und ist Teil des Belohnungssystems. Eine veränderte epigenetische Transkription dieser Systeme wirkt sich stark auf Kognition, Motivation, intensive Emotionen und Suchtempfänglichkeit aus. Eine gestörte Wahrnehmung, mangelnde Motivation und Schwierigkeiten beim Erleben von Gefühlen gehen Hand in Hand mit Depressionsgefühlen. 

Evolutionär konserviert

Diese Forschungsergebnisse können laut der Wissenschaftler als Blaupause für die Funktionsweise beim Menschen benutzt werden. In der Tat sind viele der neuronalen und hormonellen Mechanismen, die für die Schaffung und Aufrechterhaltung der mütterlichen Bindung, der sozialen Bindung und der sexuellen Bindung verantwortlich sind, zwischen den verschiedenen Säugetierarten evolutionär sehr stark konserviert (Broad 2006). Darüber hinaus zeigte bereits frühere Forschung beim Menschen, dass Stress in der Frühphase des Lebens das Risiko für Depressionen und andere psychische Erkrankungen erhöht (Opp 2016). „Das ultimative translatorische Ziel ist es, diese Forschungsergebnisse auf Behandlungsstrategien für Menschen zu übertragen, die in ihrer Kindheit unter Stress und Traumata gelitten haben“, so die Forschenden.

Epigenom und Mikrobiom

Leider fehlen bei der Studie weitere Informationen zur Beziehung zwischen Darm, Mikrobiom und Hirn. Hat eine gestörte Entwicklung der Darmflora hierbei eine Rolle gespielt? Ohne mütterliche Fürsorge gibt es auch keinen Hautkontakt und kein Stillen, und damit werden keine wichtigen Immunglobuline und keine Hautflora übertragen. Eine kürzlich von D’Agata et al. durchgeführte Studie hat gezeigt, dass das Mikrobiom von Frühgeborenen, die ihre ersten Tage auf der neonatologischen Station verbringen, eine andere Zusammenstellung hat als das der Kontrollgruppe (D’Agata 2019). Stress im frühen Leben – durch eine Trennung von Mutter und Kind und durch Schmerzen durch medizinische Behandlungen – verändert also das Mikrobiom des Kindes. In welchem Maße dies auch die Expression der Transkriptionsfaktoren beeinflussen kann, insbesondere von Otx2, ist noch nicht klar.

Wissen in der Praxis

Klar ist jedoch, dass zwischen dem Mikrobiom und dem Epigenom eine Beziehung besteht. Das Epigenom besteht aus externen Reizen, die unsere DNA steuern und Gene an- oder ausschalten. Stressoren in frühen Lebensjahren beeinflussen den Darm und verursachen epigenetische Veränderungen im gesamten Genom (Opp 2016, Chen 2017). In Anbetracht der Tatsache, dass Otx2 ein epigenetischer Transkriptionsfaktor ist, ist dieser möglicherweise durch äußere Reize wie durch die Metaboliten unseres Mikrobioms oder Nährstoffe beeinflussbar. Interventionen zur Optimierung der Darmflora (Ernährung, Bewegung, Prä- und Probiotika) und im Bereich von Ernährung und Nährstoffen, die das epigenetische Milieu beeinflussen können (wie beispielsweise eine Ernährung nach den Grundsätzen der Ur-Diät oder Paleo-Diät), können möglicherweise eine positive Wirkung auf Otx2 haben. Auch das „Deep Learning“ ist eine Methode, um das Denken Ihres depressiven Klienten zu verändern. Suchen Sie mit Ihrem Klienten gemeinsam nach der Ursache seiner depressiven Gefühle und verhelfen Sie ihm zu Einsichten, wie Ihre Interventionen diese verändern werden.

Literatur

            Murray L, Cooper PJ. EDITORIAL: Postpartum depression and child development. Psychological Medicine. maart 1997;27(2):253–60.

2.         O’Hara MW, McCabe JE. Postpartum depression: current status and future directions. Annu Rev Clin Psychol. 2013;9:379–407.

3.         Peña CJ, Kronman HG, Walker DM, Cates HM, Bagot RC, Purushothaman I, e.a. Early life stress confers lifelong stress susceptibility in mice via ventral tegmental area OTX2. Science. 16 juni 2017;356(6343):1185–8.

4.         Broad KD, Curley JP, Keverne EB. Mother–infant bonding and the evolution of mammalian social relationships. Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci. 29 december 2006;361(1476):2199–214.

5.         Opp MR, Psychoneuroimmunology Research Society. Primer of psychoneuroimmunology research. 2016.

6.         D’Agata AL, Wu J, Welandawe MKV, Dutra SVO, Kane B, Groer MW. Effects of early life NICU stress on the developing gut microbiome. Dev Psychobiol. juli 2019;61(5):650–60.

7.         Chen B, Sun L, Zhang X. Integration of microbiome and epigenome to decipher the pathogenesis of autoimmune diseases. J Autoimmun. september 2017;83:31–42.

 

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