Psychobiotika: Der neueste Stand der Dinge

Donnerstag 22-Dezember-2016

In der klinischen PNI wissen wir schon seit Langem, dass unser Gehirn und Darm miteinander „reden“. Diese Kommunikation kann mit Psychobiotika vorteilhaft beeinflusst werden. Wissenschaftler der Oxford University (GB) erklären die Zusammenhänge und geben eine Übersicht über den aktuellen Stand der Forschung.

Darmbakterien beeinflussen unsere Stimmung, unseren Appetit und unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Dabei zeigen probiotische Bakterien einen positiven Effekt, während sich ihre Abwesenheit eher ungünstig auswirkt. Weiterhin kann sich auch die Anwesenheit pathogener Bakterien nachteilig auswirken. Die Wissenschaft, die diese Interaktionen zu Gunsten unserer Gesundheit zu beeinflussen versucht, bezeichnet solche Faktoren als Psychobiotika. Dabei spielen unter anderem auch Probiotika eine wichtige Rolle.

Stress, Immunsystem und Gedächtnis

In den vergangenen zehn Jahren wurde vor allem an Mäusen gezeigt, dass Darmbakterien den Grad der Stressbelastbarkeit, die Funktion des Immunsystems und sogar die Gedächtnis- und Lernleistung entscheidend mitbestimmen. Dies kann vorteilhaft mit Probiotika beeinflusst werden, aber funktioniert das auch beim Menschen?

 

Aus Patientenaussagen geht hervor, dass Probiotika die Stimmung verbessern können. Jedoch liegen bereits auch physiologische Hinweise auf eine Wirkung vor, zum Beispiel reduzierte Cortisolspiegel (Stress) und eine verringerte Entzündungslast (fast alle modernen Krankheiten). Studien an Mäusen zeigen, dass Psychobiotika den Gehalt an brain-derived neurotrophic factor (BDNF) erhöhen. BDNF ist stark an den Lern- und Gedächtnisprozessen des Gehirns beteiligt. Sehr wahrscheinlich auch beim Menschen.

 

Darmbakterien sind wichtig für unsere Biologie

„Darmbakterien spielen eine Rolle bei äußerst wichtigen biologischen Prozessen. Diese hoffen wir mit Psychobiotika zu unseren Gunsten zu steuern. Wir versuchen, die dahinterliegenden Mechanismen mithilfe von Tiermodellen aufzuschlüsseln. Untersuchungen am Menschen mögen zwar spannend und spektakulär sein, letztlich sind die Studienpopulationen jedoch meist zu klein, sodass es schwerfällt, die Ergebnisse zu reproduzieren. Dennoch sind wir vorsichtig optimistisch“, erklären die Wissenschaftler der renommierten Universität.

 

Aber wie funktioniert die Wechselwirkung zwischen Bakterien, Darm und Gehirn nun eigentlich? Hauptakteure sind das Nervensystem des Darms, das Immunsystem, der Vagusnerv und die im Darm befindlichen Hormone und Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin. Was können wir tun, um dies alles vorteilhaft zu beeinflussen?

 

Mehr als nur Probiotika

Sicher: Probiotika haben in Studien am Menschen positive Wirkungen gezeigt. Dennoch sind Probiotika nicht die ganze Antwort. „Prebiotika – Nahrung für nützliche Darmbakterien – sind ein weiterer Faktor, über den wir Darmbakterien  beeinflussen können. Und im Grunde genommen müssen wir die Definition von Psychobiotika noch weiter fassen, sodass auch Medikamente mit einer antidepressiven und antipsychotischen Wirkung darunter fallen. Aber auch Ernährung und Bewegung wirken sich auf die Darmbakterien aus.“

 

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist das volle Potenzial von Psychobiotika für die therapeutische Praxis noch lange nicht erschlossen. Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um die Wirkungsmechanismen, die für diese Effekte verantwortlich sind, noch besser zu verstehen.

 

Literatur

  1. Timothy G. Dinan, Catherine Stanton, and John F. Cryan, Psychobiotics: A Novel Class of Psychotropic, Biological Psychiatry, Volume 74, Issue 10 (November 15, 2013)
  2. Amar Sarkar et al, Psychobiotics and the Manipulation of Bacteria–Gut–Brain Signals, Trends in Neurosciences (2016)

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